Hallo, Realität. Oder: Ein ganz normaler (Krisen-)Arbeitstag eines Facilitators

Workshop Tools in der Praxis

Haben wir schon immer so gemacht! Jeder Facilitator wird es kennen: Motivierte Teilnehmer:innen nach Abschluss eines Team-Workshops, dieses mal “wirklich” etwas zu verändern. Wäre da nicht auch dieses Mal wieder der Arbeitstrott, die eigenen Gewohnheiten, die dabei in die Quere kommen. Welche entscheidende Rolle Akzeptanz in Veränderungsprozessen spielt und welche Tools helfen, zu akzeptieren und dann zu (re-)agieren? Heiner verrät’s.

Wie der Einsatz verschiedener Tools in Workshops und darüber hinaus zu nachhaltigen Veränderungen führen kann

Es ist Dienstagmorgen, 9.00 Uhr: Es kommen 14 Menschen im Workshop zusammen, die sich nach längerer Zeit mal wieder in Präsenz begegnen, um mit mir als ihrem Facilitator sowohl über ihr Miteinander als auch über einige Arbeitsprozesse zu sprechen: Was läuft gut? Was nicht? Was ist die (systemische) Ursache? Was können wir anders machen? Klassische Fragen für die Arbeit in Kleingruppenarbeiten – mit viel Raum im Plenum für Reflexion, Zuhören, Verstehen und Nachfühlen.

Aus den Vorgesprächen weiß ich, dass es knirscht im Gebälk Die Teilnehmenden würden sich zwar ganz gut verstehen, hätten aber einfach zu viele Themen bei zu wenigen Köpfen („Wir suchen schon seit zwei Jahren“).

So ahne ich, wohin die Reise heute geht: Gemeinsame Aussprache mit der Feststellung, dass es gerade einfach zu viel ist. Vielleicht werden auch Tränen fließen, weil der Druck, der herrscht, endlich transparent wird. Und dann wird die Arbeit umverteilt. Jede:r geht mit einem „To do“ aus dem Workshop und – mit etwas Glück – können noch Themen gestrichen werden. Wie gesagt, mit Glück…

Und am nächsten Tag werden sich alle besser fühlen als gestern. Aber wie nachhaltig ist das, und wird sich mittel- bis langfristig wirklich etwas ändern?

Aus meiner Erfahrung weiß ich: Manchmal ja, d. h. es wird besser, häufig aber leider auch nicht. Warum? Zu viele Workshops – meine eingeschlossen – kommen früher oder später in ein Fahrwasser, in dem zwar alle Lust haben, etwas zu verändern und Maßnahmen definieren, an deren Kraft sie wirklich glauben; die am Ende des Tages aber doch eher ein „Mehr vom bereits Vorhandenen“ darstellen als etwas wirklich Anderes, Neues.

Wer immer tut, was er schon kann, bleibt immer das, was er schon ist.“ – Henry Ford

Der Spruch, dass wir bekommen, was wir schon immer bekommen haben, wenn wir weiterhin tun, was wir immer getan haben, ist den meisten Menschen mittlerweile bekannt. Und trotz des Wissens, dass „es so nicht mehr weitergeht“, fällt es den meisten Menschen schwer, etwas wirklich Neues zu kreieren. Geht es so denn wirklich irgendwie schon weiter? Vielleicht liegt bereits hier der Hase im Pfeffer: Wie in „Accept and Act“ (mehr dazu…) beschrieben, fällt uns Leugnen leichter als Sehen und Annehmen.

Von Einsicht und Annahme: Was braucht es, um etwas wirklich Neues zu kreieren?

Meines Erachtens ist die Einsicht, dass es so nicht weitergeht, gepaart mit der Würdigung des Status Quo und all dem, was dazu gehört (Schmerz, Frustration, Angst,…), schon ein wesentlicher Schritt, um etwas Neues zu kreieren.

Otto Scharmer, Begründer der „Theory U“, hat das an einem Beispiel eines IT-Projektteams verdeutlicht: Dem Zeitplan schon weit hinterher, fruchtete keine der scheinbar neuen Ideen, um besser zu werden. Bis ein Kollege mit „Wisst ihr was, wir alle haben doch gerade gar keine Ahnung“ einen – den – entscheidenden Satz sprach. In diesem Moment der Wahrheit, so Scharmer, wäre die Zeit stehen geblieben, alle Anwesenden hätten eine tiefe Verbindung gespürt und es wurden tiefgreifende Ideen gefunden, die das Projekt sogar noch vor der Zeit hätten erfolgreich fertig werden lassen.

In dem Projektteam war es nur ein Satz, der alles verändert hat. Das macht Mut, weil es manchmal nicht viel braucht, um Räume für echte Veränderung zu öffnen. Niemand muss in Workshops zaubern. Aufrichtigkeit, Würdigung bzw. Akzeptanz des Moments und Verbindung sind gleichsam zauberhafte Qualitäten, die zu wirklich innovativem und nachhaltigem Handeln führen können.

How to „Accept and Act“: Tools, die helfen, den Moment zu akzeptieren

Anknüpfend an „Accept and Act“ und an „Unsere wichtigste Entscheidung“, möchte ich noch ein paar weitere praktische Ideen vorstellen, die diese Qualitäten unterstützen.

Wissen schafft Orientierung: Nehmen wir allein das Wissen über Krisen und mögliche Verhaltensweisen (Flucht, Schockstarre, Angriff), wie es in „Accept and act“ beschrieben ist (klicken zum Aus- und Einklappen...)

Wenn Facilitators dieses Wissen mit Gruppen teilen, schafft das eine erste Orientierung und Erleichterung. Menschen können sich einordnen und lernen, dass diese drei Verhaltensweisen ganz normal sind und dass diese sogar auch Qualitäten in sich tragen.

Klassiker mit großer Wirkung: Wenn wir von Krisen sprechen, nutzen wir auch oft die Change-Kurve, die auf Elisabeth Kübler-Ross‘ Arbeit mit Sterbenden zurückgeht, und wir nutzen die mit der Change-Kurve verwandten vier Räume der Veränderung (klicken zum Aus- und Einklappen...).

Selbst wer dieses „Tool“ (siehe Bild) schon kennt: Sich hier selbst einzuordnen, zum Beispiel über eine kleine Aufstellung der Teilnehmenden im Raum, schafft Klarheit und Orientierung und ermöglicht Akzeptanz. Mögliche Fragen für die Aufstellung sind: Wo stehe ich? Wie geht es mir hier? Wie kann ich den aktuellen Standpunkt leichter annehmen? Was brauche ich für den nächsten Schritt, wenn er an der Zeit ist?

Annahme präventiv ermöglichen – Achtsamkeit als Chance schon vor der Krise

Wenn Menschen, Teams und Gruppen lernen möchten, den Augenblick, so wie er ist, leichter anzunehmen, führt das alsbald zum Feld der Achtsamkeit. Also zu der Fähigkeit und Haltung, den Moment und die damit verbundenen Gefühle, Empfindungen und Gedanken in sich selbst wahrzunehmen, ohne diese zu bewerten und sofort in eine Handlung zu gehen.

Achtsamkeits-Rituale im Team

Um über eine bestimmte Fragestellung in Ruhe zu sinnieren, (klicken zum Aus- und Einklappen...)

…gehen immer mehr Teams vor oder während ihren Meetings in die Stille, um wahrzunehmen, wie es jeder:m gerade geht. Mit anschließender Transparentmachung des Wahrgenommenen.

Oder es werden Gesprächs-Zirkel eingeführt, in denen das Team nicht klassisch miteinander diskutiert, sondern sich gegenseitig tief zuhört und aus dem Herzen heraus spricht (klicken zum Aus- und Einklappen...)

Das schult eine besondere Art der Aufmerksamkeit und letztendlich auch die Akzeptanz dessen, was andere sagen. Gleichzeitig ermöglicht es, neu und anders auf die Zukunft zu schauen und wirklich neue Lösungen zuzulassen. In der Sensing the Essence Ausbildung erlernen und erleben die Teilnehmenden den Thinking Circle, der diese Qualitäten auf wunderbare Art und Weise unterstützt.

Ist das Universum feindlich oder friedlich?

Das Interessante an dieser Frage, die im Artikel „Unsere wichtigste Entscheidung“ beleuchtet wird, ist unter anderem, dass wir für beide Perspektiven stichhaltige Beweise finden. Insofern ist es erstmal ganz verständlich, dass einige Teammitglieder glaubhaft für die eine Seite stehen und andere ebenso fundiert für die andere.

Neuer Blick durch innere Anteile

Eine schöne Übung hierzu ist die zunächst zu etablierende Idee und Vorstellung davon, dass Menschen verschiedene innere Anteile haben, mit denen sie durch die Welt gehen und ihr begegnen (klicken zum Aus- und Einklappen...)

Anteile, die verschieden stark und präsent sowohl vorne „auf der Bühne“ stehen, als auch eher hinten im „Backstage-Bereich“ zu finden sind. So kann es sein, dass wir einen inneren Kritiker haben, der lautstark Situationen kritisiert (und als feindlich deklariert). Oder eine innere Richterin, die alles sofort beurteilt. Oder einen kleinen Jungen, der gern spielen möchte. Oder eine Genießerin, die das Leben in all seinen Facetten wundervoll findet.

Im Anschluss daran kommen die Teammitglieder in Zweier-Gruppen zusammen und teilen erlebte Situationen Situationen, die sie als „friedlich“ wahrgenommen haben. Darüber können sie sich freuen😊. Es folgt die Vorstellung einer Situation, die als herausfordernd oder „feindlich“ erlebt wurde, bevor dann der wohlwollende, innere Anteil, z. B. die Genießerin, „auf die Bühne“ geholt wird. Aus dieser Perspektive wird die gleiche Situation erneut geschildert. Das Erleben wird ein deutlich anderes sein; die Situation erscheint in der Regel viel weniger bedrohlich oder feindlich, und es wird klar, dass der Blick auf die Umgebung maßgeblich von uns selbst abhängt.

Ein friedliches Universum aktiv gestalten – Etablierung einer Dank- und Wertschätzungs-Kultur

Wir können unsere Umgebung mit gezielten Ritualen selbst zu einem Ort von Dankbarkeit und Wertschätzung gestalten. Allein über diese wundervollen Möglichkeiten könnten wir ganze Bücher füllen. Im Überflug seien hier dennoch einige leicht einzuführende Ideen skizziert (klicken zum Aus- und Einklappen...)

Wie immer gilt – wenn sich das Team unsicher ist, ob diese eingeführt werden sollen – Probieren geht über Studieren: Selbst ausprobieren und nach einigen Wochen gemeinsam resümieren, „Machen wir weiter oder nicht?“.

Auszuprobieren wären:

  • Regelmäßige Dankbarkeits-Runden in Teammeetings (Wofür bin ich gerade dankbar? / Wofür möchte ich meinem bzw. meiner rechten Nachbar:in jetzt gerade danken?)
  • Warme Duschen (Eine Person wird ausgewählt und alle danken dieser oder geben ihr positives Feedback). Das wird mittlerweile übrigens schon in einigen Schulen praktiziert.
  • Die Wertschätzungspalme (ein wunderschönes Beispiel von einem unserer Alumni: Eine mittelmäßig aussehende Palme steht für einige Zeit auf dem Schreibtisch eines/einer Kollegen:in: Wer mag, hängt ein Post-It mit einem Dank oder positivem Feedback an diese Palme. Das funktioniert auch gut online über ein schön gestaltetes Wertschätzungs-Board!)
  • Sich gezielt positives Feedback geben
  • Und im Sinne der Ganzheit unterstützen wir auch „Fuck-Up-Runden“, in denen jede:r sagt, was sie oder er selbst in der letzten Woche nicht gut gemacht hat.

Theory U – die Zukunft wirklich neu denken, fühlen, sencen…

Übungen zur „Theory U,“ auf die sich „Unsere wichtigste Entscheidung“ bezieht, gibt es viele. In unserer Ausbildung widmen wir der „Theory U“ einen ganzen Tag und gehen mit einer Fragestellung in die verschiedenen Phasen bzw. Akkupunktur-Punkte für tiefgreifende Kreativität (klicken zum Aus- und Einklappen...)

Den Raum für den tiefsten Punkt im U, das Presencing, öffnen Daniela und Marco mit Musik, Bewegung, Stille, Collagen-Arbeit und einem anschließenden Thinking Circle als Schwelle ins Crystallizing.
Eine schöne, niedrigschwelligere und doch wirksame Methode ist die Case Clinic – ein Mix aus Kollegialer Fallberatung und „Theory U“, die Kleingruppen dazu befähigt, Schilderungen eines:r fallgebenden Kollegen:in tief zu bezeugen und mit allen Sinnen kreative und neue Lösungen zu finden. Hier findet Ihr den Ablaufplan zu dieser Methode:

Und jetzt? Wie geht es weiter?

Was von all dem hilft jetzt der Gruppe im Workshop, den ich zu Beginn beschrieben habe? Schon seit längerem steht fest, dass wir uns dem Thema der Überlastung und neuen Wegen in eine nachhaltige, regenerative Teamzukunft alsbald mit Hilfe der „Theory U“ widmen möchten.

Heute steht für mich die Intention im Vordergrund, die schwierigen Themen transparent zu machen und die Menschen nach langer Zeit der virtuellen Zusammenarbeit mit ihren Schwierigkeiten, aber auch Hoffnungen und Sehnsüchten im Raum besser zu verstehen und wirklich zu fühlen. Und all das zu akzeptieren. Der Raum für Berührung und für Wunder ist immer da, nur sehen wir ihn manchmal nicht. Eingeladen ist er für heute auf jeden Fall.

(Foto: tangerine-newt, unsplash)

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